Direkt nach dem Krieg belasteten enorme Geldsorgen den Gemeinderat. So wurde der Voranschlag für das Krankenhaus im Jänner 1920 mit einem Abgang von über drei Millionen Kronen genehmigt (Erfordernisse: 4,6 Millionen, Bedeckung knapp 1,5 Millionen Kronen) und dabei zum wiederholten Male festgehalten, dass die Stadt auf Dauer keine solche Belastung ertragen kann. Sogar die Schließung des Krankenhauses wurde erwogen. Durch die rasante Inflation betrug der
Abgang 1921 schließlich über 24,6 Millionen Kronen. In der Folge stiegen die
Verpflegungsgebühren und die Kosten für Operationen rapide an, aber die finanzielle Situation des Krankenhauses blieb dauerhaft kritisch. Trotzdem stimmte der Gemeinderat 1922 der Errichtung einer Mutterschutzstelle mit Gebärhaus zu.

In den Nachkriegsjahren war das Krankenhaus nicht nur für Stadt und Bezirk
Wiener Neustadt, sondern auch für das angrenzende Burgenland zu dem am meisten frequentierten Spital geworden. Von den 4.457 Aufgenommenen im Jahr 1923 waren 2.810 "ortsfremd", von den 6.442 Aufgenommenen 1927 waren gar 4.434 nicht aus der Stadt. Die Zahl der Verpflegstage stieg von 1924 (105.000) bis 1927 um fast 20.000. Das Krankenhaus war des Öfteren derartig voll belegt, dass man sich gezwungen sah, aus Platzmangel Kranke abzuweisen. Vor allem die chirurgische Abteilung konnte den Zustrom an Patienten kaum bewältigen.

So beschloss der Gemeinderat 1926 den Aufbau eines zweiten und dritten Stockwerkes auf das Hauptgebäude, um dem Raummangel abzuhelfen. In zweijähriger Bauzeit wurde das Spital fast vollkommen umgestaltet.

Die zweite Etage umfasste 1.772 m² verbaute Fläche. Darin befanden sich ein modern ausgestatteter Operationstrakt, ein septischer und antiseptischer Saal, Vorbereitungs-, Sterilisations- und Nebenräume. Daran schloss sich die neue große chirurgische Abteilung mit 112 Belegsbetten und den dazugehörigen Betriebsräumen. Im dritten Stockwerk (500 m2 verbaute Fläche) fanden Wohnungen für zehn Ärzte Platz.

Es entstand weiters ein zweigeschoßiger direkt an die Stadtmauer anschließender Tuberkulosepavillon (Pavillon E), der im Erdgeschoß Behandlungsräume, eine hydrotherapeutische Anlage, im ersten Stock eine vollständige OP-Gruppe und eine Krankenabteilung von 32 Betten umfasste. Ganz oben wurde eine prächtige, windgeschützte Liegehalle mit beweglichem Schutzdach errichtet.

Instand gesetzt wurden auch die Pavillons B und C für die Aufnahme von
Infektionskranken. Soweit alte Abteilungen erhalten blieben, versah man sie mit modernen Einrichtungen. Zu Beginn der Dreißigerjahre besaß in Niederösterreich nur das Krankenhaus Wiener Neustadt ein röntgentherapeutisches Institut, das ab 1931 sogar die Radiumbehandlung im Kampf gegen den Krebs starten konnte.

Gleichzeitig wurde auch der Krankenhausgarten erweitert. Das alte, überflüssig gewordene Kanalhafengebäude des Wiener Neustädter Schifffahrtkanals an der Ungargasse wurde geschleift, das Hafenbecken zugeschüttet und der gewonnene Platz sowie der Garten des Bräunlichareals in den Krankenhauspark miteinbezogen. Die gesamte Gartenfläche betrug somit 3.400 m².

Die gesundheitstechnische Ausgestaltung aller Einzelheiten der Neu- und
Zubauten und der Betriebseinrichtungen erfolgte nach den modernsten sanitären und hygienischen Grundsätzen der niederösterreichischen Krankenanstalten.

Durch die abgeschlossene Bautätigkeit etablierten sich sechs Krankenabteilungen und ein Institut im Krankenhaus:

- Interne Abteilung (Leitung: Prim. Dir. Dr. Franz An der Lan)
- Chirurgische Abteilung (Leitung: Prim. Dr. Heinrich Linsmayer)
- Lungenabteilung (Leitung: Prim. Dr. Paul Habetin)
- Augenabteilung (Leitung: Prim. Dr. Heinrich Kadletz)
- Gynäkologische Abteilung (Leitung: Prim. Dr. Rudolf Stiglbauer)
- Oto-Laryngologische Abteilung (Leitung: FA Doz. Dr. Walter Stupka)
- Röntgeninstitut (Leitung: FA Dr. Wilhelm Schenkl)

Sieben Primarärzte, ein Assistent und elf Sekundarärzte betreuten die Kranken. Mit dem Pflegedienst waren 65 geistliche Hartmann-Schwestern betraut. Am
12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gründung der Republik, wurde das beträchtlich erweiterte Krankenhaus in Anwesenheit von Bundespräsident Dr. Michael Hainisch feierlich eröffnet.

Ein neues Mütterheim entsteht

Im frei gewordenen Magazin des städtischen Jugendamtes in der Ungargasse 29 (ehemals k.u.k. Truppenspital, nach 1958 Schulhaus der Handelsakademie) hatte man im Jänner 1925 ein Mütterheim errichtet. Darin sollten in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen Frauen nach der Entbindung mit ihren Säuglingen die Zeit bis zu ihrer Genesung verbringen dürfen. Diese Einrichtung bewährte sich in den kommenden Jahren.

Allerdings entsprach die Unterbringung längst nicht mehr den modernen Erfordernissen, daher wurde in den Jahren 1936/37 ein Zubau zum Krankenhaus errichtet, ein an das Sanatorium anschließender Gebäudetrakt. Nun konnte hier die neugeschaffene gynäkologische Abteilung untergebracht werden. Der Zubau umfasste neben einem Gebärraum, Bädern, Küche, Ärzte- und Hebammenzimmern, dem Besucher- und dem Isolierzimmer, Krankenzimmer mit insgesamt 24 Betten. In einer festlichen Eröffnungsfeier weihte Dompropst Uhl das neue Mütterheim am 16. Dezember 1937 ein.

Im Umstand, dass in jeder Abteilung eine eigene Medikamentenverwaltung erfolgte, sah man eine Gefahrenquelle. Außerdem könnte eine zentrale Medikamentenverwaltung Kosten sparen. Im Oktober 1936 erinnerte der Magistratsdirektor an die vorhandene Konzession zum Führen der Apotheke. Die Aufsichtsbehörde forderte, dass ein Krankenhaus mit mehr als 200 Betten eine eigene Apotheke haben sollte. Vorerst wurde die Belieferung der Apotheke ausgeschrieben und an den Apotheker Mag. Carmus übertragen.

Übrigens: Im Jahre 1937 verdiente ein Primararzt 667 Schilling im Monat (der ärztliche Leiter bezog 858,66 Schilling). Ein Operationsgehilfe erhielt einen Wochenlohn von 61 Schilling und 70 Groschen, der Wochenverdienst für das übrige Hauspersonal bewegte sich zwischen 170 Schilling (Küchenleiterin) und 32 Schilling für die Bedienerin. Ein Facharbeiter bekam 62 Schilling wöchentlich.

1939 verfügte das Krankenhaus über 500 Betten. 20 Ärzte und 96 Pflegepersonen versorgten die Patienten.

Erweiterungen, Aufstockung und neue Abteilungen

83898 Krankenhaus 1926 vor Aufstockung 124039 Krankenhaus 1939
Das Krankenhaus vor und nach der Aufstockung 1926 und 1939, Quelle: Stadtarchiv

IMG 0317 Nordansicht mit Operationssälen, um 1928

IMG 0316 Operationssaal 1928

IMG 0318 Lungenabteilung, Freiluftliegehalle auf dem Dach des Krankenhauses 1928 
 
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Mütterheim in der Ungargasse um 1927

IMG 0320 Säuglingsheim in der Ungargasse 1933

IMG 0185 Mutter mit neugeborenen Zwillingen im neuen Mütterheim. Man beachte die kleinen Gitterbettchen für die Babys: Das sogenannte Rooming-In war die neueste Errungenschaft.