Dr. Paul Habetin 80. Geburtstag

Einer der ganz großen Ärzte des Spitals und darüber hinaus ein besonderer Wohltäter für die Wiener Neustädter Bevölkerung war Hofrat Prim. Dr. Paul
Habetin. Er war ein Vorreiter im Kampf gegen die Volksseuche Tuberkulose, die sich in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges und in den darauffolgenden bitteren Nachkriegsjahren in erschreckendem Maße ausbreitete. 1912 starben 97 Menschen in Wiener Neustadt an Tuberkulose, 1917 bereits 231. So waren damals 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung von einer Infektion betroffen.

Im Vergleich dazu ist die Todesrate 1936/37 auf ungefähr 25 gesunken, heute
beträgt sie gleich null.

Am 12. März 1918 beschloss der Gemeinderat, im Krankenhaus eine Abteilung für Lungenkranke zu gründen. Kosten: 80.000 Kronen, wobei die Hälfte aus dem Ministerium für Inneres kommen sollte, die Hälfte aus dem laufenden Budget des Krankenhauses. Die Abteilung etablierte sich im sogenannten Stöckl in der ehemaligen Bräunlichfabrik (vorher Karmeliterkloster, noch früher Kloster des Deutschen Ordens). Angeschlossen war auch ein chemisch-mikroskopisches Laboratorium. Auch der zur Bräunlich-Realität gehörende Park wurde für die Kranken freigegeben.

Zum Leiter dieser neuen Abteilung wurde 1919 der 28-jährige Dr. Paul Habetin bestellt. Er stand ihr 40 Jahre lang vor. Der Sohn eines Wiener Neustädter Schneidermeisters wuchs in einem Milieu auf, das zu den Brutstätten der Lungentuberkulose zählte. Er selbst hatte eine TBC-Infektion überstanden, seine erste Wirkungsstätte als Arzt war die Lungenheilstätte in Alland gewesen.

Primarius Habetin unterstand auch eine Beratungs- und Fürsorgestelle für
Tuberkulose (übrigens die erste in NÖ), die rasch zu den größten und meist frequentierten in ganz Österreich zählte und bald auch internationale Beachtung fand. Sie war im Gebäude Am Kanal 6 (heute Dr.-Paul-Habetin-Kindergarten) untergebracht. Habetin und seine Mitarbeiter führten bis 1945 fast 238.000 Beratungen durch.

Untrennbar ist der Name Habetin mit der 1919 im nahen Föhrenwald errichteten Schule für gesundheitsgefährdete Stadtkinder verbunden. Zusammen mit dem in den Gemeinderat entsandten Lokomotivführer Josef Püchler entwickelte er dort eine Heilstätte für von TBC bedrohte Wiener Neustädter Kinder. Über die Aufnahme und Betreuung dieser Kinder in der sogenannten Waldschule entschied Habetin in seiner Eigenschaft als dortiger Schularzt.

Für den Transport der Kinder vom Stadtrand (Wasserturm) bis zur Waldschule (etwa 10 km) erwarb die Stadtgemeinde von der Daimler-Motorenfabrik das Feldbahngeleise, fünf Waggons und zwei Benzinlokomotiven der Schmalspurbahn. Damit konnte man 200 Personen (das war die ursprüngliche Schülerzahl) befördern. 35 Minuten dauerte die Fahrt vom Burgplatz bis zum Bestimmungsort, der Bischofswiese im Föhrenwald.

Habetin wurde 1929 zum ärztlichen Leiter des Krankenhauses bestellt. Diese Funktion, die er bis 1961 ausübte, war für ihn mehr als eine große Herausforderung, vor allem während der fürchterlichen Bombenangriffe auf Wiener Neustadt im Zweiten Weltkrieg und in der Aufbauphase während der Nachkriegszeit.

Die Schaffung von Luftschutzräumen für geh- und nicht gehfähige Patienten während des Krieges, die Zerstörungen am Gebäude selbst, der eklatante Raummangel und die Seuchenbekämpfung in der unmittelbaren Nachkriegszeit stellten ihn vor schier unlösbare Aufgaben.

So pendelte er mit einer Kutsche täglich von Wiener Neustadt nach
Neudörfl, wo in der dorthin verlagerten Infektionsstation des Krankenhauses Patienten, die von Ruhr, Flecktyphus, Paratyphus und Malaria befallen
waren, behandelt wurden. In diesem Notspital standen 144 Betten zur
Verfügung, die Kranken wurden von drei Ärzten betreut.

Auch der erste Bürgermeister Wiener Neustadts nach dem Zweiten Weltkrieg, Rudolf Wehrl, wurde damals als Typhus-Patient von Habetin einige Wochen behandelt. Insgesamt hat Paul Habetin für das Spital, für seine Patienten, für
weite Teile der Wiener Neustädter Bevölkerung und des Bezirkes Großartiges
geleistet.
Prim. Dr. Paul Habetin
Hofrat Prim. Dr. Paul Habetin (1890–1975, auf dem Bild ist er 80), erster Leiter der Lungenabteilung und Vorreiter im Kampf gegen Tuberkulose



IMG 0175
Der 1919 errichtete Lungenpavillon des Krankenhauses

IMG 0112
Im Haus Am Kanal 6 arbeitete Prim. Habetin in der Beratungs- und Fürsorgestelle für Lungenkranke und beriet mit seinem Team über 238.000 Menschen.

IMG 0115
Am Haus Am Kanal 6 ist die Gedenktafel zu finden.

Waldschule Klasse  im Walde 1921
In der Freien Waldschule wurden gesundheitsgefährdete Stadtkinder unterrichtet, um sie vor Tuberkulose zu schützen (Aufnahme von 1921).

Waldbahnfahrt durch den Wald zur Schule 1922
Die Waldschulbahn (Aufnahme von 1921) brachte die Kinder aus der Stadt die zehn Kilometer in den Föhrenwald zur Schule.

IMG 0280
Bestätigung für Dr. Habetin, dass er mit der Kutsche täglich von Wiener Neustadt nach Neudörfl fahren durfte, um die Patienten in der Infektionsstation betreuen zu können.